ca. 10 Tage

Fruchtfliegen
und Blasen platzen
wenn man den Kaffee oder den Tee mit Milch
zu heißt stehen lässt.

Kuchenkrümel
und Spargelköpfe streuseln an Tellerrändern
und fallen tief in die Mäuler
der Unsichtbaren.

 

 

– Bitte, kommt alle vorbei!

 

Semialt das Alter
wenn man schon heute antizipiert
wie der Tag danach sein wird.

Anders gedacht, immer enttäuscht.

 

 

Und wen versuchst du eigentlich zu beeindrucken?

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knallpotential (II)

[prosa]

[…]
3.
Heute ist ein Tag für drinnen. Nichts, aber auch gar nichts, bringt mich heute hinaus. Drinnen ist es ruhiger als draußen und mit den Schmerzen und den Stimmungen lässt es sich hier besser ertragen, als im Aal oder auf der Straße vor meinem Haus, auf der immer alle hetzen, damit die anderen nicht hetzen können. Es ist ruhiger, aber nicht ganz ruhig, weil die von oben drüber wieder rumpeln und klirren. Sie sind jünger, aber auch nicht so viel jünger, als dass die so viel rumpeln und klirren müssten. Manchmal zweifle ich an allen und allem und an der Nächstenliebe, die sie sich auf die Brust schreiben. Ich weiß, ich bin nicht besser. Aber ich sprühe mir auch keine verlorenen Ideale auf die Fahne.

Ich rufe meinen Arzt an, zu dem ich immer am längsten brauche und tausendmal die Würmer wech­seln muss. Als abgenommen wird, erkläre ich der Sprechstundenhilfe, dass ich heute keine Energie zum Losgehen aufbringen kann. Sie fragt mich verwundert, ob es mir denn nicht gut ginge. „Rich­tig, nicht gut, deswegen komme ich auch nicht zu Ihnen“, sage ich und drücke schnell und wütend auf den kleinen roten Hörer, um das Gespräch zu beenden. Verlorene Ideale.

Ich lege mich auf mein Sofa im hinteren der zwei Zimmer, die ich bewohne. Manchmal ist alles ganz schwer. Die Rückenschmerzen, die mich ständig quälen, kommen von außen und nicht von in­nen. Ich habe schonmal versucht, meiner Therapeutin dieses Phänomen zu beschreiben. Wenn die Luft so dünn wird draußen, wenn alle nur sitzen, gehen, hetzen wollen, damit die anderen nicht kön­nen; wenn alles eng ist und man von den glitschigen Stangen immer wieder abrutscht; wenn man sich ständig vorstellt, gleich gäbe es einen lauten Knall und keiner kann vorbei am anderen; dann legt sich etwas auf mich drauf, das drückt. Meine Therapeutin hat genickt, etwas aufgeschrieben und mich gefragt, seit wann ich das so fühle und ob ich in der Vergangenheit etwas anderes gefühlt habe, da, wo es jetzt am Rücken drückt.

Das Sofa unter mir wird komisch verzogen, mein Herz klopft, meine Optik wird wie ein Tunnel, ein Aal ohne Anfang und Ende. Ich habe wieder zu viel nachgedacht; zu viel im Kopf gemacht, damit mein Körper nicht mehr machen kann. Ich richte mich auf und blicke aus dem Fenster, pochend und mit Sackgassenatem. Vor dem Haus gegenüber dehnen sich die dürren Äste eines blattlosen Baumes im Wind. Was tut der da, mittendrin? Er hat hier überhaupt nichts zu suchen.

4.
Plötzlich rennt deine Katze wie wild geworden durch die offene Zimmertür hinein. An meiner Seite angekommen, wie ich da auf den Dielen liege, bleibt sie abrupt stehen, starrt mich wie in Entsetzen an, um sich genauso schnell wieder umzudrehen und hinauszurennen. Ihre Krallen hört man noch bis ans andere Ende des Flurs über das Holz kratzen. Du lachst. Ich traue deiner Katze nicht.
„Die spinnt! – Oh, vielleicht liegt das ja auch am Supermond heute!“, sagst du. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich weiß nie, was ich zu sowas sagen soll. Langsam richte ich mich auf.

„Ich muss hier raus, mir fällt die Decke auf den Kopf“, sagst du. Dabei streckst du die Arme über den Kopf, ziehst dich hoch, lässt dich von der Taille ab nach links kippen, die Hüfte spitzt sich nach rechts außen. Alles zeichnet sich entlang deines Körpers ab. Am Ende machst du kurz den Rücken rund. Meiner fühlt sich auch komisch an. Vom ganzen Liegen drückt es mich an der Wirbelsäule entlang. Ich knete an ihr herum.
„Wollen wir los?“, fragst du mich. – Natürlich. Deswegen bin ich zu dir gekommen. Aber du musstest deine schmutzigen Reste abwaschen. „Klar“, antworte ich. Du lächelst mich an und läufst an mir vorbei, um nochmal ins Bad zu gehen. Deine Luft zieht vorbei. Deine Hände riechen jetzt bestimmt nach Bio-Lemon und Essensresten.

Ich ziehe meine Schuhe an und warte an der Wohnungstür auf dich. Vielleicht verabscheue ich nicht dich, oder mich vor dir; vielleicht verabscheue ich gar nichts, genauso, wie ich gar nichts mehr lie­be.

Als du aus dem Bad kommst und dir in deinem Zimmer noch die neuen Stiefel anziehst, öffne ich schonmal die Wohnungstür und knipse das Licht im Treppenhaus an. Von unten steigt kühle, knusp­rige Luft hinauf. Es wird Winter. Er soll wieder sibirisch werden, sagen alle. Hoffentlich reicht die­ses Jahr das Salz.
„So“, sagst du. Ich laufe los. Natürlich wohnst du ganz oben, so wie alle in dieser Stadt. Du läufst immer viel langsamer als ich. Auf der Hälfte des Treppenhauses angekommen, hetzt jemand schnell atmend und mich mit leerem Blick streifend vorbei, die Stufen hinauf. Ich schaue hinterher.

Unsere Blicke treffen sich, deiner und meiner, als meine Augen einen Stufenabsatz weiter oben an­kommen. Ich glaube, wir denken gerade dasselbe.

Zwei Treppenabsätze weiter höre ich, wie diese Person von ganz oben aus zügig wieder die Treppen hinuntersteigt. Der Klang kommt mir irgendwie komisch verzogen vor und wie automatisch be­schleunige ich meine Schritte noch etwas mehr, erreiche die Haustür, viel früher als du, und trete hinaus.

Ich lasse meinen Blick die Straße entlangwandern. Gegenüber steht ein Baum, der bereits all seine Blätter verloren hat; pünktlich, wenn die Luft wieder klar und ehrlich ist. Ich beobachte seine hun­derten Äste und frage mich, ob er vielleicht auch nach Kardamom riecht, sollte es irgendwann nochmal Frühling werden. Er bewegt sich kantig im Wind und zieht seine kleinen Zweige hinter sich her. Ich muss lächeln.


5.
Ich lese jeden Tag mein Horoskop. Alles, was es online zu Lebens- und Jahreshoroskopen für mich gibt, habe ich auch schon gelesen. Ich kenne alle meine Monde und meinen Aszendenten und auch alle, die sich mit mir reiben oder lieben würden. Wenn ich denen, die man wohl Freunde nennt, hin und wieder davon erzähle, lachen sie oft. Oder sie schweigen unangenehm und müssen dann woan­ders hinschauen oder sich räuspern. Oder sie tun wieder nur so, als würde es sie interessieren und stellen erfundene Fragen. Ich rede immer einfach weiter, bis jemand das Thema wechselt. Ihr Unbe­hagen ist nicht mein Problem. Ihre Sorgen sind banale Resultate egozentrischer Perspektiven. Sie haben Angst vor meinen Horoskopen, weil sie Angst haben, sich von der Rationalität zu entfer­nen, die sie alle schön auswendig gelernt haben. Niemals wirklich das zeigen, was in dir ist; dann kann dir auch nichts und niemand etwas wegnehmen. Dein Job, dein Haus, deine Ehre, deine ge­stellt an­geregten Gespräche über nichts und niemanden. Sie laufen durch Graues und durch die Straßen und Ecken und Zombie-Supermärkte und werden alle irgendwann krank, weil sie sich so sehr anstren­gen müssen, das Unschöne nicht zu sehen.

Der Schweiß von eben trocknet noch auf meinem Nacken und ich massiere ihn kurz und kräftig. Der Wasserkocher macht zischende Ge­räusche. Er ist alt und weiß vom Kalk. Ich ziehe die Schuhe aus und schiebe sie vor die Küchentür in den Flur. Außer dem Zischen ist es jetzt still. Nichts von oben, nichts von unten.

Unsere Welt. Die Zwecke bedingen sich gegenseitig. Sie haben Angst vor meinen Horoskopen, weil sie Angst haben vor sich selbst. Wenigstens weiß ich, wie meine Augen sehen, wenn sie gerade end- und anfangslose Aale sind. Und wenigstens kann ich ihn noch erkennen, da draußen, den verlorenen Baum.

knallpotential (I)

[prosa]

1.
Hunderte kleine Schritte oder große zum Eingang, dann fährt man hoch, dann muss man warten, 50-50 Chance, ob sie gleich oder mit Verzögerung kommt. Sie ist ein aaliges Etwas, das sich unter Ka­beln entlangwindet, in purer Abhängig- und Willenlosigkeit geführt, keine Möglichkeit, auszubre­chen. Sie sieht dabei so glücklich aus.

Manchmal, wenn sie Brücken überquert, stelle ich mir vor, sie würde einfach zur Seite kippen. Viel­leicht fällt man ganz weich. Und dann die kleinen roten Hämmer in den Glasvitrinen an den Türen.

Ich hasse es, hineinzugehen. Ich hasse die Gerüche, die feuchten Stangen, die warmen Polster, die trockene Luft im Winter und die triefende im Sommer. Die Blicke und Körper, die im Weg sind und die immer hasten und rennen, um sitzen zu dürfen, damit jemand anderes nicht sitzen kann. Ich has­se die Enge und wenn sie irgendwo stehen bleiben für Minuten, ohne ersichtlichen Grund und Infor­mationen. Man wird im Stich gelassen und ich denke an Schlimmes. Alle Menschen sind komisch und haben irgendein Potential. Dann lasse ich meinen Blick schweifen und schaue sie an. Und dann ist da der Typ mit Bart und kleiner Mütze und ich denke, vielleicht hat er das Fahrerhäus­chen unter seine Kontrolle gebracht. Ich schäme mich schnell für meine verdummten Mechanismen. Die Fern­seher in den Würmern sind Schuld daran. Ich gucke schnell weg und nehme mein Handy heraus und starre es an.

Bisher ist sie immer weitergezogen, Kurven in klirrenden Tönen, Ziehen und Quietschen und Quen­geln, die glücklich Geführte, die Knechtin der Stadt, in Wonne ihr Schicksal erfüllend. Es ist wider­lich. Immerhin musste ich noch nie den Hammer benutzen und in einer Reihe mit allen ande­ren auf staubigem Kies entlanglaufen, in Angst vor Voltzahlen und Gegenverkehr. Und die anderen würden wieder schubsen, um gehen zu können, damit ein anderer nicht gehen kann.
Manchmal trifft man hier Leute, die man kennt. Meistens gucke ich schnell weg, aus dem Fenster, aufs Handy oder ich schließe die Augen und tue so, als würde ich schlafen. Oft funk­tioniert es, aber einige sind so übergriffig, dass sie mich dennoch antippen, an der Schulter, und sich neben mich setzen und sich unterhalten wollen. Ich mache immer mit; ich bin nicht immer nett, aber ich mache immer mit. Ich halte komisches Schweigen gut aus. Die anderen normalerweise nicht. Deswegen re­den sie nervös herum und ich muss nicht viel machen, außer zuzuhören oder so zu tun, als ob.

Ich muss immer durch die ganze Stadt zu tausenden Ärztinnen und Ärzten. Ich habe chronische Lei­den, die sich mit Spritzen, Pillen und emotional betuchter Konversation behandeln lassen. Es gibt Tage, da ist es schlimm, da mache ich nichts und bleibe im Haus und lasse die Würmer sich winden und die Luft stinken, ohne, dass ich sie ertragen muss. Dann sind es nur ich und meine Wände, die ich aushalte. An anderen Tagen ist es weniger schlimm und dann muss ich in die Stra­ßen und Ecken und Aale und apokalyptisch beseelt- und beleuchteten Supermärkte in Kellern von Fitnessstudios und Wettbüros und in die Würmer und zu meinen Ärztinnen und Ärzten, die mich dann meistens anlächeln und vorgeben, wissen zu wollen, wie es mir geht. Eigentlich wollen sie es nicht wissen; eigentlich wollen sie hören, es ginge mir gut, damit sie nicht so viel Arbeit haben. Nach den paar Jahren Chronischem kenne ich sie gut. Sie und ihre Potentiale. Ich gebe ihnen nie, was sie wollen. Ich bin immer ehrlich zu ihnen.

Bei meiner Therapeutin ist das am Einfachsten. Sie ist auch diejenige, die wirklich wissen will, wie es mir geht oder zumindest den Anstand hat, ihren Job in dieser Priorität ernstzunehmen. Sie hat ein optimales Pokerface. Ich bin aber zu nah am Geschehen dran, um zu wissen, ob sie ihren Job gut macht. Ich mache hier nur Konversation und sie geht ein wenig darauf ein. Sie gehört nicht zu de­nen, die mir sagen, was ich zu tun habe, um meine Gedankenkreise oder Schlafstö­rungen oder Schmerzen oder Gruselbilder oder Ängste loszuwerden. Sie deutet immer nur an. Sie ist im Do-It-Yourself-Wahn angekommen. Hallo, neue Welt! Wenn sich deine Therapeutinnen plötzlich Coaches nennen.

Sie deutet z.B. mit Fragen an. Wenn ich eine Angst schildere, fragt sie nach Ängsten in meiner Ver­gangenheit und nickt wissend zu meinen Antworten. Ich weiß dann, sie weiß, dass ich Angstsche­mata verfolge. Vielleicht soll mir die unausgesprochene Einigkeit über jene meine Dumm­heiten da­bei helfen, sie als solche zu erkennen und dann mit ihnen aufzuhören. Einmal, da hat sie mir ge­sagt, ich solle laufen gehen oder Treppen steigen, um Hormone freizusetzen, wenn ich Angst be­komme. Und ein anderes Mal sagte sie mir, ich solle keine Alternativen zu den Aalen und Würmern suchen, auch wenn ich die Enge nicht mag, sondern trotzdem hineingehen. Ansonsten würde ich mir nur ins eigene Feuer spucken. Oder so ähnlich.

Ich befolge beides nicht immer, aber ihre Geste zählt.

2.
Ich kann mir deinen Blick richtig gut vorstellen, eingepfercht zwischen den Gedanken eines verlo­renen Knalls. Irgendwo auf dem Weg sei er dir abhanden gekommen, sagst du.

„Kennst du das nicht?“, fragst du. Ich muss kurz nachdenken. Eigentlich bin ich ungern so pathe­tisch mir selbst gegenüber und dass ich jetzt gleich nicht ganz die Wahrheit sagen werde, gibt mir ein unangenehmes Ziehen in der Brust und ein Ausweichen meiner Augen vor deinen: „Ja, kenne ich schon auch.“ – Und bei dir knallte es irgendwie sowieso und mal so richtig mit jemandem. Und dann ging der Knall weg, weil irgendjemand Scheiße gebaut hat.

Bei dir geht es immer gleich um Alles. Du kannst nicht abwarten und brauchst immer deine Ruhe, du bist so verletzlich und teilst aus wie ein Feuerwerk, du brauchst die Liebe, aber vergisst dich selbst. Und ich, ich weiß nicht, ob ich mich selbst vor dir verabscheue, oder ob das wirklich du bist. Und ich verabscheue dich ja nicht, also, nicht so wirklich. Aber, naja.

„Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben.“, sagst du. Den Satz kenne ich; von dir, von mir. Es gibt eben so viele scheiß Menschen, sage ich immer. Tiere sind besser.

„Sie hat einfach so sehr meine Grenzen überschritten, dabei habe ich ihr doch mehrmals gesagt, wie wichtig das für mich ist.“, sagst du.
Du ziehst nervös an deiner Zigarette. Du hast das Rauchen noch nie ver­sucht, aufzuhören, weil du bist ja nicht wirklich süchtig, eigentlich. So wie ich auch. Wir müssten jetzt nicht unbedingt rau­chen, aber wir mögen es einfach so gern.

„Hast du denn nochmal mit ihr darüber gesprochen?“, frage ich und fühle gar nichts. Alles verkomm­en zum Zweck. Bin ich echt so?

„Naja, vorher halt. Jetzt danach nicht nochmal explizit, ne. Ich habe aber auch ehrlich gesagt gar keinen Bock mehr drauf. Es ist ja immer so. Immer dasselbe, weißt du?“ Ja, ich weiß.

„Ja, ich weiß.“, sage ich.

„Ich habe gar keine Lust, überhaupt für irgendjemanden weiter Mutti zu sein, weißt du. Es ist so scheiße nervig.“, sagst du und ich nicke. Mein Hals ist irgendwie zu trocken und ich grundsätzlich zu faul, dasselbe, was du gerade gesagt hast, nochmal zu wiederholen. Wir wissen ja, was ich den­ke.

„Die Stelle ist richtig geil“, sagst du und der Bass rumpelt vorbei. Ich liege auf den Holzdielen, deh­ne meine schmerzenden Hüften ein bisschen, indem ich meine Beine angewinkelt immer wieder aufrichte und dann langsam hinunterlasse, wie ein liegender, riesig weit geöffneter Schneidersitz. Du räumst auf und läufst mit starkem Schritt immer mal wieder an meinem Kopf entlang. Ich atme jedesmal absichtlich dann tief ein, wenn du gerade an mir vorbeigerauscht bist und ich weiß, dass gleich der von dir erzeugte Windstoß latent hinter dir herziehen wird, deinen Geruch versprüht. Du riechst nach –
„Schimmlige Linsensuppe, richtig eklig.“, du lachst und drückst mit dem rechten Ellbogen die Tür­klinke herunter. Deine Hände sind voller Geschirr. Durch die offene Tür kommt ein bisschen Luft herein. Am Boden ist es kälter als einen Meter über ihm.
Wir waren für heute verabredet, ich bin wie Inventar deines Alltags, eingeschmolzen, so da, zum Reden und entlanghangeln an dem, was man sowieso tun würde. Ist das gut? Oder ist es verabscheuenswert?

– Schließlich: Die Zwecke brauchen einander.

Sometimes there seems to be something like a scent in the air to me, as if everything everywhere was holding its breath underneath a heavy veil that puts its weight on this globe.
People of older generations who I’ve talked to about doubts, fears and an immense sensation of powerlessness tell me they know those feelings and when they were younger, they went through similar periods in context of global political and social events. I truly believe them. Still, right now I feel like being part of a dystopian book (in which I’m even in a far more privileged position than many others) that was written decades ago, imagining madness and realities that seemed too satirically crazy to actually be or become true.
Also climate change and globally expanding wars and threats towards one another seem to put a new sense in the being of this world. ‚Things‘ like Trump happen and happened but they (/this person) hadn’t happened yet in this exact and new time with its long-term and short-term scenarios concerning everyone and, as usual, especially those who have less of everything. Although and sadly it also feels like yet the next domino in a row of highly irritating and covering-the-future-in-heavy-veils kinda events. Trump is the symbolization of hatred and ignorance that make the world repeat its mistakes over and over and over […] again, plus probably adding new ones. That (and the obviously possible pragmatic consequences for many many people) is making me deeply sad.

voicemail

Ich habe den 1. Jurypreis beim 90-Sekunden Filmwettbewerb des Weddingweisers belegt. Der Film wird den Oktober über im City Kino Wedding im Vorprogramm laufen.

Check it out: https://www.youtube.com/watch?v=98N40T5Rgzs

I won the 1st jury prize at Weddingweiser’s 90-seconds film contest. The film will be shown at City Kino Wedding throughout October.

Orange

[prosa]

Ihre Knie waren steif und schmerzten sehr. Am liebsten hätte sie sich sitzend, mit ausgestreckten Beinen, gedehnt, aber vor den Anderen wäre es ihr peinlich gewesen. Sie sollten nicht sehen, wie ungelenkig sie war.

Wieso war ihr heute schon wieder so schwindelig? Ist das jetzt echt nur ihr niedriger Blutdruck? Die Hand führt zur rechten Schläfe, drückt auf ihr herum, tut sie weh? Oder die linke? Früher hatte sie nie Kopfschmerzen oder Schwindel. Also, dolle ist es jetzt auch nicht. Aber sollte sie das nicht doch einfach mal checken lassen? Schaden kann es ja nicht. Ja.

Sie merkt, wie sich ihre Augenbrauen wieder so zusammengezogen haben und versucht, sie über das Aktivieren ihrer Stirn zu lockern. Jemand stößt beim Aufstehen von hinten sanft gegen sie; sie erschrickt sich so sehr, dass sich das Augenbrauenproblem von ganz alleine gelöst hat.
Die Gesichtsmuskulatur genauestens und bewusst zu beobachten, ist auch so eine Art Meditation.
Der Teppich ist so weich wie die neue Überziehjacke, die sie heute noch nicht tragen konnte, weil sie ungewaschen ist. Sie vergräbt ihre Finger im flauschigen Boden.

„Sau weich, oder?“, fragt die neben ihr. Sie schauen sich in die Augen. Dicke, dunkle Pupillen.
Sie hat überhaupt keine Lust auf Smalltalk mit dieser Frau. ‚Sie doch auch nicht auf welchen mit dir, sie tut nur so, die muss nur ihr offenes und freies Wesen rechtfertigen‘, dachte sie.

Viele sagen, sie sei schön. Sie findet das nicht. Alles ist irgendwie zu groß im Gesicht. Und passt nicht zusammen. Zu viel. Und die Stimme. Ihre Stimme passt perfekt in das Gesamtbild, das sie vor sich sieht, wenn sie sie sieht, oder, besser gesagt, erlebt. Es ist so: Wenn sie so ist, wie sie ist, weil sie aufgesetzt ist, mag sie sie nicht, weil sie aufgesetzt ist. Falls sie aber so ist, wie sie ist, ohne dabei aufgesetzt zu sein, mag sie sie nicht, weil sie so ist, wie sie ist, ohne dabei aufgesetzt zu sein. Also: Sie mag sie nicht. Ihre Stimme, besser gesagt: wie sie diese einsetzt, spielt dabei eine große Rolle. Sie sagt Sachen mit dieser Stimme, die sie nicht mag. ‚Sau weich, oder?‘. Wenn sie nicht redet, ist sie arrogant. Es ist also das Gesamtbild, das stört. Sie mag sie nicht.

„Ja, echt mega weich“, sagt sie lächelnd und nippt an ihrem Getränk. Sie hat es in ihren Schneidersitz-Innenraum gestellt, um die totale Kontrolle zu haben. Das kann ihr echt niemand mehr erzählen, dass da ja schon nichts passiert, und doch nicht hier und so weiter. Die meisten solcher Geschichten passieren im Freundes- und Bekanntenkreis, das weiß sie. ‚Menschen halt, was soll man noch dazu sagen‘, denkt sie. Die meiste Zeit legt sie noch dazu möglichst zufällig aussehend die Handfläche auf die Öffnung des Glases, aber wenn sie das Gefühl bekam, jemand bemerkte es, nahm sie sie rasch weg. Sie will nicht paranoid oder unhöflich wirken.

Wieder stößt jemand gegen ihren Rücken. Das genervte Zungenschnalzen bleibt ihr zum Glück gerade noch so am Gaumen kleben. Das wäre jetzt so unendlich deutsch gewesen.
„Hey, es gibt Matcha!“, sagt der Rückenschubser mit Seidenstimme und Dickpupillen lächelnd in die Runde. Was für ein nerviges Lächeln. Aber Matcha mag sie gerne. Es riecht nach Zahnpasta und schmeckt wie Garten, findet sie. Sie mag Matcha sehr warm, ja, wenn nicht gar heiß.
Hier wird sie ihn natürlich nicht anrühren.

Wieso war sie eigentlich hergekommen? Fällt es ihr wirklich so schwer, einfach mal alleine zuhause zu bleiben? Ihr Rücken schmerzt, sodass sie den ständigen Impuls verspürt, die Wirbelsäule Seite für Seite durchzuknacken, indem sie die Hände erst auf ihre linke Seite stützt und sich dann dehnend mit nach links dreht und danach die Hände auf ihre rechte Seite stützt und sich dann dehnend mit nach rechts dreht. Sie muss den Impuls jetzt unterdrücken, da sie nach ihrem zweiten Knackdurchlauf diesen Abend plötzlich einen anderen, seidenstimmig Fettäugigen hinter ihrem Rücken kleben hatte, der sie ungefragt und äußerst schlecht begonnen hatte, zu massieren. Er hatte erst aufgehört, nachdem sie mehrmals vortäuschend lachend darauf hingewiesen hatte, es sei schon okay, sie hätte nur Muskelkater. ‚Es ist schon okay, danke, haha, ich glaube, ich muss meinem Rücken einfach etwas Ruhe gönnen, haha.‘ Er hat ihr dann gesagt, dass sie im Schulterbereich ganz schön verspannt sei. Aha. Ja. Danke.

Eigentlich glaubt sie, diese Schmerzen kommen von einer Hüftschiefstellung. Im Fitnesstudio, in dem sie seit einem Jahr nicht mehr war, hatte ihr diese Einweisungsperson damals gesagt, sie hätte eine. Sie hat sich immernoch nicht darum gekümmert. Sie muss morgen unbedingt bei ihrem Orthopäden anrufen. Sie mied diesen Anruf nun schon lange, da es ihr peinlich war, dass sie die letzte Krankengymnastiküberweisung nicht wahrgenommen hatte. Das Quartal geht immer so schnell vorbei. Aber morgen würde sie definitiv anrufen.

Sie blickt sich im Raum um. Die Leute machen sie krank, ihre Laune wird schlechter, sie findet keine Stimmung, sie will doch eigentlich gar nicht hier sein. Aber zuhause sind die anderen gerade irgendwie so ein geschlossener Kreis. Sie fragten sie nie, ob sie mit Rommé spielen wollte. Dabei hatte sie doch vorher nur zweimal nein gesagt. Hört man deswegen auf zu fragen? Menschen halt.
Sie blickt sich im Raum um. Sie will gehen. Auf das Aufstehen vorbereiten. Den richtigen Moment abpassen, dann planen, welches Bein sie als erstes aus ihrem wohlmöglich eingeschlafenen Schneidersitz zieht, das Glas nach dem Aufstehen unauffällig auf dieser Küchenarbeitsfläche zwei Meter hinter ihr abstellen, damit die anderen nicht sehen, dass sie es nicht ausgetrunken hat, Jacke im Haufen neben der Tür hoffentlich schnell und unangesprochen suchen und finden können und dann abhauen.

 

Noch kurz Vorbereiten. Die Hand wandert an die linke Schläfe. Ist da was, was da nicht hingehört?

Sie blickt sich im Raum um und denkt: ‚Ich bin traurig, weil ich scheiße bin. Ich bin traurig, weil ihr auch scheiße seid. Ich bin traurig, weil Alles verschwimmt. Ich bin traurig, weil ich nichts geträumt habe. Ich bin traurig, weil die Zeit so eindimensional ist. Ich bin traurig, weil emotionale Scheiße scheiß nervig ist. Aber nur, weil so ein paar Hippies über Regenbogen, gute Lösungen und Liebe reden wollen, lasse ich mich nicht auf ihre orangene Seite ziehen. Ihr kriegt mich nie, ihr garstigen Ratten!‘

Gleich geschafft.

Austauschbare, Das. , 2016 (Excerpt)

                                                                    Mein Fuß heute auf

                                                                    falschem Boden.

                                                                    Heute wäre anderer

                                                                    Boden wirklich be-

                                                                    merkenswert besser

                                                                    gewesen.

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